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Ersticken wir die Kreation?

Alle wissen es: Die Welt wird komplexer. Die Timings werden enger. Die Zyklen werden kürzer. Und alle wissen wir auch, wohin das führt: zu Wegwerf-Plastik-Kreation. Schnell gedacht, schnell gemacht, wenig gebracht. Vielleicht gibt es noch einen Award für die gefühlte Anerkennungsbilanz. Der Rest ist Opfer der Umstände. Immer seltener kommen Unternehmen und Marken durch ihre Kommunikationskonzepte zu echten, nachhaltigen Erfolgen. Auch nicht durch millionenfach geklickte Virals oder fantastillionen Mediabudgets. Was ist los?

Kernkompetenz Kreativität

Unser Geschäft ist die Kreation. Wir sind Ideen-Architekten, die Markengebäude entwerfen wollen und können. Unsere Kreation ist kein exklusiver Spielplatz für Kreative. Schon gute Berater und insbesondere die strategische Planung müssen kreativ denken, um geeignete Fundamente für unsere Leistungen zu gießen. Die Kreativleistung als Team ist unsere Kompetenz und unsere Leidenschaft und am Ende ist es auch unsere Existenzberechtigung. Warum werden wir dann selbst zunehmend kreationsfeindlicher?

Immer häufiger nehmen wir uns keine Zeit mehr, um uns die besten Lösungen einfallen zu lassen. Etats und damit das Ideenhaben werden mit Stundenaufwänden errechnet. Was für ein Armutszeugnis für den Wert einer guten Idee, die leider nicht mal eben Dingdong auf Bestellung aus dem Kopf fällt, wie eine Schraube aus der Presse. Im Ergebnis hecheln wir von Auftrag zu Auftrag. Lassen uns von Zeit- und Kostendruck zwingen, statt der besten nur die erstbesten Ideen anzubieten. Und die als beste zu verkaufen. Wir sind ja schließlich Werber. Irgendwann fragen sich die Kunden, ob sie das nicht auch selbst hingekriegt hätten. Und, ja, hätten sie.

Keine Zeit für Leidenschaft?

Wenn das Herz unseres Geschäftes die Kreation bleiben soll, müssen wir ihr wieder mehr Raum geben. Jeder Kreative – völlig wurscht, ob Maler, Poet, Koch oder eben Werber – braucht Inspiration. Fällt eigentlich gar keinem auf, dass immer mehr Texter nachwachsen, die keine Literatur lesen, dass sich immer mehr Art-Direktoren bewerben, die keine Passion für Kunst entwickeln, und dass immer mehr Strategen sich über ihre Social-Media-Kompetenz definieren. Warum? Weil sie keine Zeit mehr haben, die eigene Leidenschaft zu entwickeln.

Es ist tatsächlich noch dramatischer, denn „keine Zeit“ heißt „keine Lust“. Echte, ungezügelte Neugier liegt in der Natur von kreativen Menschen. Wir brauchen ein Umfeld, das diese Neugier füttert, anstatt sie zu ersticken. Der neue, allerorts beschworene Work-Life-Balance-Anspruch des Kreativ-Nachwuchses ist in Wahrheit Notwehr. Wer den ganzen Tag Fertigkonzepte zusammenklebt, kann gar keinen Sinn darin sehen, das noch härter, noch länger in noch mehr Extrastunden zu leisten. Der Kreativnachwuchs bekommt ja alle Nase lang vorgerechnet, wieviel Zeit die Dinge brauchen dürfen. Wie wertvoll die Agenturminute ist, die man gerade mit Rumgucken verbrennt.

Wundert es jemanden, dass Menschen auf die Idee kommen, dass auch die eigene Lebensminute zu wertvoll ist, um sie als Überstunde zur Erschaffung von durchschnittlichen Lösungen zu verschenken? Entdeckt ein Talent durch den Job aber wirklich neue Ideen in neuen Feldern, macht neue Erfahrungen und findet neue Interessen, wächst die Life-Balance schon während der Arbeit. Die Gretchenfrage lautet also: Wie organisieren wir Agenturen Inspiration? Gemessen an der existentiellen Notwendigkeit am besten radikal.

Periskop in der Welt der Möglichkeiten

Die Investition, die wir in Inspiration stecken, unterscheidet uns von unseren Kunden. Wir brauchen mehr Vorträge, Begegnungen, Ausflüge, Offsite-Workshops, Reisen und vor allem Zeit, um das kreative Potential freizulegen. Ja, in der Arbeitszeit. Und wir brauchen Mitarbeiter, die Lust haben, ihren Horizont jeden Tag zu erweitern. Ja, auch außerhalb der Arbeitszeit. Und wir brauchen Kunden, die bereit sind, über vernünftige Honorierung dieses Investment mit zu tragen. Nicht um ein illustres Partyvölkchen vom Awardzirkus Luftikus bei Laune zu halten, sondern um substantiell bessere Ideen zu bekommen.

Agenturen sind für ihre Kunden das Periskop in der Welt der Möglichkeiten. Und wer, wenn nicht wir Agenturen, sollten täglich grenzüberschreitend auf Entdeckungsreise sein. Unser Job ist die Ideenarchitektur. Das braucht neugierige, interessierte, gut ausgebildete Menschen. Aufwendig inspirierte Menschen, ständig motiviert auf der Suche nach Neuem. Und die Wahrheit ist auch: Das ist teuer! Gute Ideen sind teuer. Kosten ein Scheißgeld. Weil die Menschen, die sie machen, selten und teuer sind. Und teuer inspiriert werden müssen.

Ideen sind der Motor unternehmerischen Erfolgs. Inspiration ist der Treibstoff. Wir brauchen ein neues Bewusstsein für den Stellenwert von Inspiration. Vielleicht dürfen wir keine Chief Creative Officer mehr beschäftigen, sondern brauchen Chief Inspiration Officer. Die in allen Agenturabteilungen wieder das wecken, was Agenturen tatsächlich unersetzbar macht: die Neugier.

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